21wandernBad Waldsee - Der Wind pfeift kräftig aus Nordost. Er bringt die kalte Luft von der Ostsee und treibt dünne, fedrige Wolken über einen blauen Himmel. Wir marschieren mit unseren Walking-Stöcken nur ein paar hundert Meter vom Wanderparkplatz am Ried zum Rothausweg.

 

Queren eine ungemähte Wiese. Vorbei am schwarzen Heuschober. Schade, der Holderbusch und die Bank, die dort doch immer standen, sind nicht mehr da. Ist auch schon eine ganze Weile her, seit wir hier das letzte Mal gingen. Da war das Rote Haus noch bewirtschaftet. Dass wir heute hier gehen, verdanken wir Steve Rota-Reh und Walter Gschwind. Mit dem Wegweiser-Putzbild im Waldseer brachten Sie uns auf die Idee. Wann war das letzte Mal? Jahre her. Mit der Firma mal im Winter. In Schnee und Dunkelheit mit Fackeln. Und mit der Vorfreude auf ein gutes Essen und ein frisches Bier. Damit wird’s heute nix. Erstens ist die Rote Haus Wirtschaft schon lange Geschichte. Und zweitens: Virus-Lockdown. Nix einkehren.


Noch ein paar Schritte über die Wiese. Rechts ab, über die kleine Brücke, auf den Waldpfad. Doch halt, da hängt ein Zettel. Ich hätte ihn ja übersehen, aber meine Frau hat den Blick für das Besondere. In feiner Schreibschrift steht ein Mutmacher Spruch. Und nach ein paar Schritten schon der nächste. Da hat sich jemand wirklich viel Mühe gemacht, und alle paar Dutzend Meter einen Sinnspruch-Zettel aufgehängt.


Im Wald ist vom Wind nichts mehr zu spüren. Die Sonne scheint kräftig. Der Reißverschluss an der Jacke wird flugs nach unten gezogen. Der weiche, federnde Waldboden: ein Balsam für Knie, Hüfte, Rücken. Rechts und links des Weges staut sich Wasser. Da war doch nur ein kleiner Bach, wo kommt das ganze Wasser her? Statt Rothaus-Weg könnte man den Pfad in Biberweg umbenennen. Überall haben die Nager ihre Spuren hinterlassen. Dicke und dünne Stämme sauber umgenagt. Geschält, gegessen. Und eine neue Wasserlandschaft geschaffen. Wenn die so weitermachen, kann man in 10.000 Jahren wieder Moor abbauen. Falls es dann noch jemanden gibt, der es gebrauchen kann. Vielleicht wieder zum Feuern?


Links ab den Schildern mit der Nummer 9 nach. Aber hier schon? Dann stimmt das mit der Entfernung nie. Also erst mal geradeaus weiter. Richtig, erst bei der zweiten Abzweigung links ab. Brav dem Wegweiser mit der Nummer 9 gefolgt. Immer wieder gehen rechts und links schmale Pfade ab. „Da war ich mal mit dem Grünvogel unterwegs. Der hat uns die ganzen Gräser und Blumen gezeigt, die nur hier wachsen“ Schade, aber ohne Grünvogel kein Abweichen vom rechten Pfad. Das hatten wir erst gestern. Und waren eine gute Stunde länger unterwegs als geplant. Und nicht im Ried, wo’s schnell tückisch werden kann.


Abstand halten in Corona-Zeiten klappt hier im Ried bestens. Wir sind schon eine Stunde unterwegs, als uns der erste Radler begegnet. Ein kurzes Nicken, und schon vorbei. Die Vögel singen. Der Wind rauscht in den Bäumen. Hier ist die Natur sich selbst überlassen. Die Bäume liegen, wie sie fallen, und dazwischen spießt Neues. Enten sind auf Tümpeln und Weihern unterwegs.


Jetzt sehen wir vor uns schon den Weiler Untermöllenbronn. „Riechst du auch schon die Hähnchen in den Drei Tannen?“ Wieder so ein Flashback zweier alter Waldseer. Heute sind da Fenster, wo vorher der Wirtshausname stand. „Aber wenigstens nehmen wir uns zum nächsten langen Spaziergang was zum Trinken mit“ sage ich, als wir den verwaisten Wirtshausgarten passieren. Jetzt kommt auch eine Wander-Durststrecke. Einen guten Kilometer auf der Teerstraße. Rein nach Untermöllenbronn und dann links ab nach Bad Waldsee. Die Straße ist für den Verkehr gesperrt. Zu gravierend die Schäden vom vorletzten Trockensommer. Deshalb begegnen uns auch hier nur zwei Autos. Und der Radler, den wir doch schon vom Riedweg her kennen.


Dann geht es wieder links rein. Unser Freund, der Wegweiser mit der Nummer 9, bringt uns wieder in den Wald. Ein schmaler Pfad. Voller Wurzelwerk, schlängelt sich bald nach links, bald nach rechts. Der Blick weitet sich. Der Wind kommt von vorne. Die Türme von Sankt Peter grüßen. Nach gut ein einhalb Stunden sind wir wieder am Wanderparkplatz. Morgen nehmen wir den Wanderweg Nummer 8 unter die Füße. Garantiert Corona frei.

 

 

Text und Bild Erwin Linder



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